Nachruf Rolf Voigt

Am 18.10.2019  verstarb Rolf Voigt im Alter von 81 Jahren

Nachruf

Es bleibt unserem Wollen überlassen, den Verlust in die sanfte Heiterkeit der Erinnerung zu verwandeln. Und ich will. 

Als ich Rolf Voigt das letzte Mal sah, spielte er zu seinem 80. Geburtstag bei uns im Theater auf der Bühne einen Betrunkenen. Ich hatte die gesamten 30 Minuten Angst, dass er von der Bühne stürzt. Aber er fiel nicht, er spielte. Er trug einen riesengroßen Schnauzbart. Dieser Schnurrbart erinnerte mich daran, dass er mir erzählt hatte, er habe die ersten Fix und Foxy Figuren, diese Mäuse, in der DDR auf der Bühne gespielt.

Rolf Voigt übernahm vor der Wende das Kabarett „Die Kiebitzensteiner“ und holte viele Berliner Kollegen nach Halle. Die Hallenser konnten so über die Jahre viele Prominente sehen, die unseren Saal in der Moritzburg bespielten. Und auch in Berlin verbotene Programme, welche Rolf Voigt gegen die SED Parteileitung durchgesetzt hatte.

Geld hat ihm nie viel bedeutet. Er ließ einmal einen Honorarkoffer nach einem Gastspiel auf dem Autodach stehen. Das Gastspiel fand in einer Kirche statt und der Herr rettete das Geld.

Er gab sozusagen für viele Kollegen sein letztes Hemd.

Dafür trug Rolf Voigt immer sehr gute Anzüge. Fast immer ziemlich bunt. Kaufte er sich einen neuen Anzug, kam der alte in den Fundus unseres Kabaretts. Er hatte es geschafft in Verhandlung mit Vicco von Bülow „Loriot“ zu inszenieren. Ich trug im Stück seinen Anzug. Ich bin viel größer als er und passte damit genau komisch in die Szene.

Rolf Voigt hat für sehr viele Schauspieler und Schauspielerinnen das getan, was früher den Impresario ausmachte. Wurde irgendwo im Osten Deutschlands ein Kabarettist gebraucht, fragte Rolf Voigt oft bei den Kiebtzensteinern an. Deshalb haben viele Kollegen der Kiebitzensteiner schon manches andere Kabarett von innen gesehen.

Er inszenierte in Annaberg noch vor ein paar Jahren am Theater und fuhr immer von Annaberg mit dem Auto nach Weimar, seinem Wohnort. Am nächsten Tag kam er mit dem Zug in Halle an und hatte in seiner Tasche gefühlte 1000 Blätter Text, die restlichen Seiten waren noch im Auto oder im Zug. Aber er hatte von allen Texten mindestens 3 Kopien. So konnte die Arbeit weitergehen. Eigentlich bis zum Schluss.

Rolf plante noch ein Buch, in dem er sein Theater- und Kabarettleben aufschreiben wollte. Er hat es wahrscheinlich nicht mehr geschafft. So bleibt es an uns, diese Anekdoten weiterzutragen.

Die Kiebitzensteiner haben ihm viel zu verdanken. Wir werden ihn nicht vergessen.

Micha Kost

Kabarettist, „Die Kiebitzensteiner“

Rolf Voigt, ROLLY, wie seine Freunde und Kollegen ihn nannten, ist tot.  Rolly – ein kleiner Reisekoffer auf Rädern – war wie ein Symbol für seines rast- und ruheloses Leben. Vollbepackt und stets in Bewegung. ROLLY, ein Tausendsassa der Kleinkunst, ein liebenswürdiger Chaot und schlitzohriger Organisator, fehlt nun in der Welt des fahrenden Volkes. Ich hatte die Ehre mit ihm und unter seiner Leitung meine ersten Schritte auf den Kabarettbühnen beschreiten zu dürfen. Im Juli dieses Jahres bin ich ihm, leider zum letzten Mal, begegnet. Von Krankheit gezeichnet erkannte ich ihn an seinen wachen und diebisch dreinblickenden Augen wieder. Diese haben sich mir tief in meine Erinnerung eingegraben. ROLLY ist von nun an mit seiner leisen Stimme, seinem diebischen Lächeln und seiner emotionalen Allgegenwärtigkeit,  da bin ich mir ziemlich sicher, irgendwo da oben, wo immer das sein mag, mit dem von ihm am meistinszenierten und für ihn allerbesten Komödianten, LORIOT, und mit seiner bunten Bühne auf Tournee. Übrigens: Lange Sätze mochte er gar nicht. Diesen, von ganzem Herzen kommenden Satz über ihn, wird er mir gutmütig und mit Augenzwinkern nachsehen. ROLLY wir vermissen Dich!    

Lothar Bölck, Kabarettist  

Lieber Rolf

Das ist nun der letzte Brief von mir an Dich und diesen schreibe ich in stiller Trauer.

42 Jahre waren wir uns in unterschiedlichster Weise verbunden. Es begann 1977 in Magdeburg bei den ,,Kugelblitzen‘‘. Dort konnte ich mich Dank Deiner Hilfe nicht nur als Kabarettist entwickeln, sondern Du machtest mir Mut, Leitungsverantwortung zu übernehmen.

Nach unserer gemeinsamen Magdeburger Zeit, die ihre Krönung in der Eröffnung des ersten und einzigen Kabarettneubaus der DDR fand, kamen weitere gemeinsame Arbeiten. Ein Jahr Straßentheater in Berlin, dann gingst Du nach Halle zu den ,,Kiebitzensteinern‘‘. 2004 hast Du bei den ,,Oderhähnen‘‘ die Regieassistenz für das Sommerprogramm ,,Ab in die Wüste‘‘ übernommen. Unvergessen für unser Ensemble war Dein Organisationsgenie. Immer wieder machtest Du mich mit Autoren bekannt, mit denen sich eine Zusammenarbeit entwickelte, die bis heute besteht.

Aber auch Deine Empfehlungen von Kabarettisten(innen) habe ich sehr dankbar angenommen, sodass wir unserem Publikum immer wieder neue interessante Darsteller präsentieren konnten.

Aber vor allem wirst Du mir als warmherziger, verständnisvoller Freund fehlen, dessen menschliche Qualitäten nicht hoch genug zu würdigen sind.

Und so spende ich Dir, dem Direktor, Dramaturgen, Regisseur, Organisator und Komödianten, in voller Dankbarkeit einen letzten Applaus.

Dein Wolfgang Flieder

Kabarettist, Intendant Kabarett „Die Oderhähne“

Ich habe Rolf Voigt erst vor einigen Jahren kennengelernt. Als Regisseur an der Leipziger Pfeffermühle bat er mich am Telefon um ein Lied für das Stück, das er inszenierte. Seine Idee war sehr provokant und eine wirklich gute Anregung. Als ich ihn dann das erste Mal traf, war ich überrascht, dass er schon älter war. Am Telefon hatte er viel jünger und frischer gewirkt. Wir haben dann sehr freundschaftlich an verschiedenen Produktionen zusammengearbeitet. Er war immer sehr respektvoll und achtete peinlich darauf, dass ich mein Geld bekam. Einmal zahlte er die Gema Tantiemen sogar aus eigener Tasche, obwohl ich das ablehnte. Wir wollten eigentlich im kommenden Jahr in Annaberg Buchholz zusammen ein Weihnachtsstück auf die Bühne bringen. Als wir uns deshalb Anfang Oktober in Weimar treffen wollten, sagte er kurzfristig ab, weil er einen Auftritt hatte. Trotz seines Alters wurde er mitten aus dem Leben gerissen. Ich habe ihn für seine Energie und seine stetige Freundlichkeit bewundert.

Stefan Klucke, Musikkabarett „Schwarze Grütze“

Große Kunst und kleiner Mann

Ich habe Rolf Voigt vor etwa 25 Jahren kennen gelernt. Ich hatte gerade erst bei den Magdeburger Kugelblitzen angefangen und er war, obschon mittlerweile in Halle Chef der „Kiebitzensteiner“, eine Legende. Schließlich war es ihm in Magdeburg gelungen, den einzigen Kabarettneubau in der DDR zu realisieren. Und das natürlich scheinbar mit, aber eigentlich an der Obrigkeit vorbei. Er organisierte von den Arbeitern bis zum Baumaterial alles. Irgendwie. Denn Rolf Voigt war ein Fuchs, scheinbar leise und bedächtig, aber dahinter verbarg sich eine ungeheure Agilität, mit der er jede Herausforderung meisterte. Dieser kleine, beinahe durchsichtige Mann war eine kraftvolle Persönlichkeit von wahrer Größe. Richtig kennen gelernt habe ich ihn 2002 als frischgebackener Kabarettdirektor (bzw., wie waren ja Teil des Theaters geworden, Spartenleiter). „Die Kugelblitze“ wurden 25 Jahre alt und brauchten etwas Besonderes. Und so, als ob es nichts wäre, bot er mir ein Programm von Heinrich Pachl und Matthias Beltz an, welches sie exklusiv für uns schreiben würden. Bezahlbar war das ganze auch und für seine Vermittlung bot er an, das Programm zu inszenieren. So geschah es und auch wenn Beltz starb, bevor er seine Arbeit ganz vollenden konnte, bekamen wir ein großartiges Programm, das Rolf sehr gut inszeniert hatte. Die Magdeburger Presse mochte unser Jubiläumsprogramm weniger, aber wenn wir mit diesem Programm auf Tournee gingen, überschlugen sich die Zeitungen mit Lobeshymnen. Im Gegenzug bot Rolf mir an, Programme für die Kiebitzensteiner zu schreiben. Von der Moritzburg ging es in schöne neue Räume in einer Einkaufspassage und natürlich hatte Rolf dafür gesorgt, dass es weiter ging. Er inszenierte mittlerweile überall in Deutschland, für die Pfeffermühle durfte ich dank ihm auch schreiben. Und dann gründete er in Weimar mit „Sinnflut“ das nächste Kabarett. Er inszenierte und spielte auch Loriot genau wie Kabarett, er behandelte Kleinkunst wie die große Kunst, die sie in ihrem Wesen eigentlich ist. Über die Jahre sind wir uns immer mal wieder begegnet oder haben telefoniert. Er wird fehlen, dieser kleine, zähe, charmante und kluge Mann. In einer gerechten Welt müssten Magdeburg, Halle und Weimar ihm Denkmäler errichten oder wenigstens Straßen nach ihm benennen. Wenn’s irgendwann ein kleiner Platz mit viel Publikumsverkehr wird, an dem immer wieder neue Häuser gebaut werden, dann wäre es nahezu perfekt. Mach es gut, Rolf.

Lars Johansen

Kabarettist

Lieber Rolf,

Dein gutes Herz hat aufgehört zu schlagen. Ein Herz, das Du anderen immer weit geöffnet hast.

Wenn all jene, denen Du mit Deinem Wirken geholfen, einen Weg bereitet, Dich für sie eingesetzt hast, um Dir nun ein letztes Dankeschön dafür zu sagen, sich nun zu einem Chor vereinen würden, würde dieser die Größe der Fischer-Chöre weit übersteigen.

Ich fange schon mal damit an: DANKE, Rolf !!!

In bleibender Erinnerung

Hans-Günther Pölitz

Kabarettist,Kabarett „Magdeburger Zwickmühle“

Rolf Voigt habe ich nach der Wende kennengelernt als Leiter der Kiebitzensteiner. Mit dem „Reichspolterabend“ waren wir im Jahr 1990 dort zu Gast – gemeinsam mit den Kollegen Matthias Beltz, Achim Konejung, Heinrich Pachl und Horst Schroth. Über das Kabarett sind wir ins Gespräch gekommen, trafen uns in Berlin in seiner Wohnung in der Winsstrasse, wo er damals noch mit seiner Frau lebte. Und wir trafen uns oft im Café Adler am Checkpoint Charlie und haben über die Zeit gesprochen und das Kabarett. Daraus entstanden einige Texte, die er bei den Kiebitzensteinern verwendete.

Unvergesslich ein Abend zum 7. Oktober 1999 zum 50. Jubiläum der DDR unter anderem mit den Kollegen Pispers, Bölck und Pölitz in Halle. Zu einem Zeitpunkt, als schon niemand mehr so zurückblicken wollte auf dieses untergegangene Land. Einen kurioseren Gedenkabend kann man sich wohl kaum vorstellen. Soetwas hat Rolf Voigt organisiert.

Rolf Voigt war einer, der schon von seiner Herkunft her und immer gern zwischen allen Stühlen sitzen konnte. Er war immer auf der Suche, unermüdlich rege. Noch zu seinem 80. Geburtstag in Halle hat er selber auf der Bühne gestanden. Das war sein Leben. Ein Leben fürs Kabarett. Unverwüstlich, ideenreich, originell. Und tatkräftig.

Arnulf Rating, Kabarettist

Einige Jahre haben wir sehr intensiv zusammengearbeitet.
Er war ein ehrlicher, interessierter, ausgeglichener, humorvoller Kollege.
Dann haben wir uns leider aus den Augen verloren.
Ich werde immer voller Respekt und Zuneigung an ihn denken.

Lieber Rolf,
irgendwann – irgendwo

Heinz Rennhack, Kabarettist

Ich habe Rolf 2011 in der „Leipziger Pfeffermühle“ kennengelernt und wir waren uns sofort sympathisch.

Er war ein sehr freundlicher Regisseur, der immer klare Vorstellungen von der Umsetzung des Textes hatte und auch auf Vorschläge oder Fragen der Kabarettisten einging.

Manchmal war er fast zu freundlich als Regisseur…

Aus unserer Sympathie wurde schnell eine Freundschaft. Wir saßen oft auch privat zusammen, gingen nach den Proben essen und telefonierten jede Woche, auch nach den Premieren.

Rolf war ein Lebenskünstler.

Und so macht mich sein Tod sehr traurig. Er war ein ehrlicher, liebenswürdiger und heiterer Mensch und Kollege.

Rolf wird immer in meinen Gedanken bleiben.

In tiefer Anteilnahme,

Hans-Jürgen Silbermann

Kabarettist, „Kabarett Pfeffermühle“